Ein Hassstück

Leipzig, Möckern, ein heißer sonniger Sommertag mit Sonnenflecken, die auf den Fensterbänken tanzen und sich mit den Spiegelungen vom strahlend blauen Himmel und saftiger Grüne der Linden in der alten Regentonne mischen. Ein ruhiger Innenhof eines alten Mehrfamilienhauses in der Blücherstraße, nah am Leipziger Auwald.

Eine junge Frau trinkt Kaffee auf dem Balkon und folgt mit ihrem Blick den kleinen Wattewolken, die die nahezu perfekte Weite des Mittagsblauen langsam und wie träge überqueren, nach. Sie blinzelt gegen die Sonne und lächelt. 

Mitten im Hof, an einem Holztisch in einer Gartenlaube, sitzt eine Gruppe junger Männer. Die Gesichter sind nicht im Fokus, man sieht nur ungefähre Formen, Haarlinien, dunkle Flecken der Münde, weiße Striche der Zähne. Sie reden miteinander, schauen auf ihre Handys und lachen. Die Akustik des Hofes verstärkt das Gelächter und erzeugt einen Nachhall-Effekt.

Einer von den Jugendlichen merkt die Frau auf dem Balkon, dreht seinen Körper zu ihr in einer künstlichen, leicht übertriebenen Bewegung (die Gesichtsmerkmale immer noch verschwommen bzw. schematisch dargestellt) und ruft in einem spielerischen Ton:

ERSTER MANN: Hallo!

Die junge Frau senkt den Blick vom Himmel, das Gesicht des Mannes erhält ganz kurz etwas mehr Details und geht sofort wieder aus dem Fokus. Die Frau richtet ihren Blick wieder in die Höhe und antwortet nicht. Der Mann stupst einen seiner Freunde an und nickt in Richtung des Balkons. Sie wechseln einige Worte miteinander und grinsen. Die ganze Gruppe im Hof schaut nun die Frau an. Der Mann ruft wieder:

ERSTER MANN: Hallo! Sprechen Sie Deutsch?

Die Frau reagiert nicht und schaut weiterhin in den Himmel. Eine kleine Wolke bedeckt kurz die Sonne, der Hof geht im Schatten und die Farben verlieren für einige Momente ihre Helligkeit. Gleich danach zieht die Wolke rüber, und die Sonne erstrahlt mit neuer Kraft. Die Gesichter der Männer in der Gartenlaube werden immer wieder schwammiger und schematischer und ähneln etwa einer farbigen Applikation. Ein anderer Mann aus der Gruppe ruft:

ZWEITER MANN: Hello! Do you speak English?

Die Gruppe lacht. Die Frau reagiert nicht. Der erste Mann ruft:

ERSTER MANN: Arabisch? Albanisch? Griechisch? ¿Habla español?

Die Frau reagiert nicht. Die Männer reden untereinander und kichern. Einer von ihnen fragt:

DRITTER MANN: Sind Sie ein Mann oder eine Frau?

(Lachen.)

Die Frau reagiert nicht.

ERSTER MANN: Ziehen Sie sich eine Hormontherapie unter?

Die Frau reagiert nicht.

ZWEITER MANN: Hallo!

Die kleinen Wolken, die mit einer fast mechanischen Konsistenz, wie im Videospiel, von der rechten Seite des Fensterrahmens erscheinen und hinter der linken verschwinden, arrangieren sich in dünnen Linien. Die Sonne strahlt weiter mit hellen gelben Strahlen. Die Strahlen selbst fangen an, etwas künstlich auszusehen, wie mit einem starken Instagram-Filter bearbeitet. Die Sonnenflecke auf den Fenstern und Fensterbänken werden so hell, dass das Glas und das Metall scheinen zu schmelzen. Eine leichte Rauchspur kommt aus dem benachbarten Fenster. Der Nachbar der jungen Frau tritt auf seinen Balkon hinaus mit einer angezündeten Zigarette.

Die Männer im Hof haben die Laube verlassen, zwei von ihnen stehen jetzt auf der Wiese direkt unter dem Haus. Ihre Figuren sind weiterhin schwammig und scheinen fast platt zu sein, als wären sie zweidimensional. Der erste Mann spricht mit einer leisen Stimme, ohne aus der Ferne rufen zu müssen.

ERSTER MANN: Hallo! Was trinken Sie?

Die junge Frau reagiert nicht.

ERSTER MANN: Kaffee? Tee? Capuccino?

ZWEITER MANN: Hallo! Wir sind hier, unten auf der Wiese! Hören Sie uns?

ERSTER MANN: Trinken Sie Toilettenwasser, weil Sie kein Geld haben?

Die Männer lachen. Der rauchende Nachbar auf dem Balkon wirft der jungen Frau einen kuriosen Blick zu. Ein älteres Paar auf der anderen Seite des Hofes sitzt auf ihrem Balkon unter dem Sonnenschirm. Sie trinken Tee und reden miteinander. Die Frau steht inzwischen auf, um die Blumen in den Blumenkasten zu gießen, und blickt auf die Männer auf der Wiese, dann auf die junge Frau, dann widmet sich wieder dem Gießen.

ERSTER MANN: Hallo! Wenn Sie jetzt runterspringen, wir werden Ihnen 20 Euro zahlen.

Der zweite Mann lacht. Die junge Frau reagiert nicht.

ZWEITER MANN (schubst den ersten): Wir werden aber den Krankenwagen nicht rufen!

Die junge Frau reagiert nicht. Die Linien von Wolken spalten sich wieder und ziehen weg, den Himmel befreiend. Die Sonne, die jetzt direkt im Zenit hängt, scheint größer als normal geworden zu sein. Die Fensterbänke sehen leicht gebeugt und wie weich aus. Einige heiße Tropfen fallen herunter. Die ältere Frau auf der anderen Seite des Hofes hört auf, zu gießen, ihre Figur geht aus dem Fokus und verschmilzt sich mit der ihres Mannes. Der rauchende Nachbar verschwindet rasch hinter seiner Balkontür zusammen mit dem Zigarettenqualm.

Die junge Frau zieht in einer zwar gemächlichen, aber nicht unnatürlichen Geste die Wayfarers mit dem braunen Verlauf an und schaut über den Himmel, der jetzt eine perfekte, fast unmöglich klare blaue Farbe hat. Die Wiese unter dem Haus wird genauso strahlend und intensiv grün, und die verstreuten Löwenzähne darauf wirken wie frische Ölflecke. Die Wasseroberfläche in der Regentonne, die die rasende Sonne widerspiegelt, wird von dünnen Wellen überzogen, als da ein kleiner Wasserläufer, der aus der Dachrinne herunterkam, landet. Ganz oben, in den miteinander mischenden Kreisen des Lichts, schraffiert vom Gezweig der blendenden, gnadenlosen Strahlen, ein langsamer schwarzer Adler mit weißen Flecken auf seinem Gefieder, überquert die blaue Kuppel ohne einmal seine Flügel zu schlagen.

Die junge Frau folgt ihm mit ihren Augen nach, bis er aus dem Blickfeld verschwindet, danach schließt sie das Fenster und kehrt zurück in die Küche (die Sonnenbrille noch an). Die Sonnenflecke folgen ihr, auf dem Wasserhahn, dem Besteck und den Töpfen spielend. Sie stellt die leere Kaffeetasse auf den Tisch, wo ein Handy, mit dem Display nach unten, liegt. Die Frau nimmt es in die Hand und schaut auf den Bildschirm, indem sie die Brille etwas nach unten schiebt, ohne sie komplett abzunehmen. In ihrem Gesicht drückt sich eine ernsthafte Freude aus, gemischt mit etwas Sorge. Sie tappt etwas auf der Tastatur, hält das Gerät an den Mund und spricht mit einer klaren, hellen und fast singenden Stimme: “Hi, entschuldige bitte, ich habe gerade deinen Anruf verpasst. Alles gut bei dir? Sorry, ich war bloß im Silent Mode”.

Sie legt das Handy wieder auf den Tisch und verlässt die Küche. Die Sonnenflecke auf den Metalloberflächen werden immer heller, und die Sonne draußen immer größer und heißer, als möchte sie alles, was die Frau hinterlässt, verbrennen.