Deutsch werden. Opa anschauen. Ihn fragen, was denkst du, Opa? Was denken Sie, Herr Abramenkov? Was denken Sie über diese Dokumente hier, die vor Ihnen liegen und die ich heute von Ihren Landsleuten bekommen habe? Es steht da, Sie seien ein Leutnant der Roten Armee und verstecken sich aktuell bei Ihrer Familie, was heißt, wir müssen Sie jetzt erschießen. Ist es so, Herr Abramenkov? Sind Sie ein russischer Offizier? Wenn ja, warum tragen Sie Zivil? Wo befindet sich Ihre Einheit? Verstehen Sie mich, Herr Abramenkov? Verstehen Sie, was ich jetzt machen sollte?
Wie alt sind sie, Herr Abramenkov? Haben Sie Kinder? Wissen Sie, ob Sie sie haben würden? Wissen Sie, wie viele? Wissen Sie, wann? Wissen Sie, wo genau, an welchem Ort wird Ihr Auto in einen Hinterhalt geraten, an welchen Teil Ihres Kopfes werden Sie schwer verletzt werden, wie viel Zeit werden Sie in den Krankenhäusern verbringen, mit welcher Abscheu wird Sie Ihre Regierung nachher behandeln, wie schnell verlieren Sie Ihren Dienstgrad und diese wenigen Orden, die Sie haben, wie nah werden Sie dem Tode kommen, wie schwarz und lähmend werden seine leeren Augen wirken, wie lange werden Sie durch den Tunnel kriechen, wie zufällig, irrelevant und gleichzeitig lebensrettend wird die Frage des Strafeinheitskommandanten klingen, wenn er Sie fragen werde, ob Sie zeichnen können. Wie zitternd Ihre Hände die ersten Striche auf das Blatt Papier setzen werden, wie stark und plötzlich wahr und lebendig und befreiend und albern und lieb und neu wird sich der Geruch des Zeichenbüros im Königsberg für Sie anfühlen, als Sie nach dem Kriegsende in der russischen Besitzzone unsere Panzer und Kanone zerlegen und nachbauen werden, während die restlichen Millionen von Toten und Vermissten sich mit der Erde, sich mit den jungen Kräutern, sich mit dem Beton, sich mit dem Zwitschern, sich mit ständigem Ton der Autobahn, mit dem Brummen des Zuges, sich mit dem Knirschen der Steine auf dem Feldweg, mit dem Flüstern der Blätter, mit dem Knarren des Gartentors, mit dem Geschrei der Kinder und Stimmen der Frauen, sich mit den transparenten Wässern der Zeit vermischen werden, da wo die dunkelgrünen schrumpeligen Algen unter dem Blick eines Mädchens langsam schwanken, als die Sonne aus der Höhe des unberührten Blauen die glühenden Formen der Welt ins Gedächtnis lagert?
Wissen Sie, Herr Abramenkov, wo genau Sie zu demselben — oder einem sehr ähnlich aussehenden — hellblauen Himmel, mit genauso kleingeschnittenen und langsamen, fast immobilen, wie von einer Hand eines langweilenden Jungen angeklebten Wattewolken, wo und wann Sie zu ihm wieder aufschauen werden, und, als Ihre Enkelin in der anderen Zeit, auf der anderen Seite des Tunnels, unter einem anderen, aber immer noch sehr ähnlich wirkenden, unendlichen und mit kleinen Wolken bestreuten hohen Himmel durch glühendes Berlin langsam spazieren wird? Wissen Sie, welche Worte, bevor Sie den nächsten Zug von Ihrer aus dem handgemachten Zigarettenhalter genommenen langen Papirossa machen, Ihre trockenen, von dem sorgfältig geschnittenen Bart überdeckten Lippen verlassen und in die schimmernde Transparenz Ihres Gartens fließen werden?
Wissen Sie das, Herr Abramenkov? Ich auch nicht. Aber jemand weiß es bestimmt. Und damit sie das sagen könne, verlassen Sie jetzt unverzüglich den Raum durch diese kleine Hintertür, überqueren Sie das Feld hinter dem Dorf und gehen Sie direkt in den Wald, und laufen Sie durch den Wald so lange, wie Sie es können, laufen Sie bis Sie so weit weg sind, dass es keine Menschen mehr zu hören gibt, keine Zeichen der Zivilisation, nur Sie, Vögel, durch den Gezweig durchsehendes Himmelblau, mit Moos überwucherte Bombentrichter und die nassen geschwärzten Blätter. Laufen Sie, bis das alles zu Ende ist, bis der Krieg zu Ende ist, bis der Stalinismus zu Ende ist, bis der Sowjetunion zu Ende ist, bis es nichts mehr gibt, außer Transparenz, einen Morgen und ein rotes Haus unter der blendenden Sonne des Endejuni. Sagen Sie, Herr Abramenkov, können Sie das tun? Sagen Sie, was Sie denken. Sag mal, Opa, was denkst du?