Der schönste Ausdruck der urbanen Liebe ist ein kleiner gelber U-Bahn-Wagen, der schläft, Licht aus, Türe zu, transparent und leer, wie von den morgigen Wellen der Fahrgästen träumend, zwischen den asketischen neokonstruktivistischen Gebäuden mit kreisförmigen Löchern am Rande der Balkone und wandhohen Fenstern aus Spiegelglas — warm rot, zart orange und tiefgrün, die durchsichtigen Volumen des Lebens in der feuchten Luft eines langen Sonntagabends schweben lassen, während der leichte, fast nicht spürbare Regen die glänzende Pflastersteine besprüht, als hätte es probiert, der verletzten Stadt zu sagen, komm, sie können eh nichts, komm, meine liebe, wir sind ja gut, wir sind ja in Ordnung, sie können ja nichts gegen unsere Fensterbänke, sie können ja nichts gegen unsere iPhones mit Weitwinkel-Kameras, sie können ja nix gegen unsere schlecht gemachten Augenbrauen und unsere laufende Mascara, gegen unsere flachen Brüste und behaarte Beine. Wat hammse doch, liebe? Gott hammse? Wut hammse? Wahrheit hammse? Dat is aber allet Quark, sagt der Regen, und verstärkt sich. Dat hamma schon allet jesehn. Dat hat ja uns nix jebracht. Machs jut, sagt er, ick geh erstmal zum Brandenburger Tor, ick wasch mal die Steine, ick schlag mal die Flagge. Tschüss, sagt er, und verlässt das Gleisdreieck, wo die schwarzen Balkone des aus dem Parkhaus geborenen Neubaus ihre tränend-lächelnde Augen zum Horizont richten, als die Sonne sich hinter den Dachterrassen verschmelzt und setzt seinen Untergang fort, ab und zu durch die Wandlöcher blinkend. Der schönste Ausdruck der urbanen Liebe ist hier: in einem aus den Fetzen des Unmöglichen zusammengeschnittenen Kiezpark, der nach dem leichten, fast unmerkbaren Regen, sich erneuert, sich kopiert und sich einsetzt, und, einen kleinen gelben U-Bahn-Wagen vorsichtig umarmend, schläft ein, um morgen umso mehr Berlin zu werden.